Historisches

Musik im alten China

Ein musikalischer Herrscher

Kaiser Shun lebte 2240 v. Chr. und war einer der mythischen Urkaiser der chinesischen Kultur. Es ist überliefert, dass er einmal im Jahr durch die Provinzen reiste, um sich über den Zustand des Landes und seiner Bewohner zu informieren. Das tat er allerdings nicht anhand irgendwelcher Wirtschaftsberichte oder Gutachten, sondern indem er die Tonhöhen der in den jeweiligen Regionen gespielten Musik überprüfte. Er verglich sie mit den von seinen Musikministern im Einklang mit dem kosmischen Ton hergestellten Instrumenten. Wichen die Töne von der „staatlichen“ Tonleiter ab, so befanden sich nach Ansicht des Kaisers die Menschen in einem Ungleichgewicht, welches sich auf die wirtschaftlichen und sozialen Belange dieser Region negativ auswirkte.

Musikministerium

Für die alten Chinesen war Musik die höchste aller Wissenschaften, derer sich alle staatlichen Ämter unterzuordnen hatten. Das höchste Amt war das des Musikministers. Er hatte dafür zu sorgen, dass die sogenannte Gelbe Glocke (chin. Huangzhong), auf der das ganze Tonsystem Chinas basierte, stets im Einklang mit dem Kosmischen Ton gestimmt war. Man könnte sie als den grundlegenden[1] Kammerton bezeichnen, von dem aus die anderen Töne berechnet wurden. Tatsächlich diente sie auch als Ausgangspunkt für die Festlegung der Maße und Gewichte. Bis 1911 wurde die Gelbe Glocke über dreißig Mal überprüft und an die neuen Himmelskonstellationen angepasst. Denn auch die Astrologie galt als Wissenschaft des Klangs: die Gestirnkonstellationen sendeten gewissermaßen die Töne herab. Aus dem Verhältnis 3:2 beispielsweise, welches der Harmonie zwischen Himmel und Erde entsprach (die symbolische Zahl für Himmel war drei und für Erde zwei), erhielt man die Quinte[2].

Der kosmische Ton

In einem chinesischen Text aus dem 3. Jahrhundert. v. Chr. (“Frühling und Herbst” des Lü Bu Wei) heißt es:

„Das, woraus alle Wesen entstehen und ihren Ursprung haben, ist das große Eine; wodurch sie sich bilden und vollenden, ist die Zweiheit des Dunkeln und Lichten. Sobald die Keime sich zu regen beginnen, gerinnen sie zu einer Form. Die körperliche Gestalt ist innerhalb der Welt des Raumes, und alles Räumliche hat einen Laut. Der Ton entsteht aus der Harmonie. Die Harmonie entsteht aus der Übereinstimmung.”

Der Ton (und aus diesem entstehend die Musik) hatte für die alten Chinesen eine fundamentale Bedeutung: Er war die Brücke – man könnte sagen das Yoga[3] oder die Religion[4] – zur himmlischen Ordnung, der Quelle allen Seins. Der Zweck der irdischen Musik, und damit das Ziel des geschulten Musikers, war es demnach, durch das Medium hörbaren Klanges eine Musik zum Ausdruck zu bringen, die die Übereinstimmung mit der himmlischen Ordnung widerspiegelte. Musik musste Harmonie zwischen Himmel und Erde sein. Was im Hinduismus im OM ausgedrückt wird, war für die Chinesen die kosmische Schwingung, die das ganze Universum als Echo des Urklangs durchdringt.

Daraus folgerte, dass, wo immer Musik erklang, die der Entsprechung des Kosmischen Tons nicht genügte, die Menschen sich von ihrem himmlischen Ursprung entfernten und dadurch die Ordnung auf der Erde durcheinanderbrachten, was unerwünschte und unruhige Zustände zur Folge hatte. Da den einzelnen Noten und auch den Musikinstrumenten eine spezifische und wichtige weltliche Bedeutung zukam, führte eine Abweichung von der „richtigen“ Schwingung zu einer Störung im irdischen Dasein. Eine gestörte Schwingung bestimmter Töne machte das Volk beispielsweise aufrührerisch oder die Fürsten arrogant, ja, sogar die Dinge an sich, also Materie, konnte ihre immanente Einheit verlieren und „zerreißen“. War die Schwingung allerdings richtig, dann führte das zu Toleranz und Weichheit (wie beim Ton kong) oder Mitgefühl und Nächstenliebe (wie beim kio, dem Ton „a“, der dem Volk zugeordnet war).
Sima Quian, ein chinesischer Astrologe, Historiker und Schriftsteller, schrieb im 1. Jahrhundert n. Chr.: „Man muss die Noten kennen“, sprich: die magischen und universellen Hintergründe kennen.

Sinfonien der Tausend

In manchen Dynastien unterhielt man am Hofe zahlreiche Orchester mit jeweils mehr als fünfhundert Musikern.[5] Da die alten Chinesen der Ansicht waren, dass ganze Zivilisationen durch die vorherrschende Musikweise geprägt wurden und das Wohl einer Nation von der sich möglichst im Einklang mit dem universellen Klang befindlicher Musik abhing, legte man großen Wert auf die korrekte Ausführung der Musikstücke. Dabei diente Musik nur sekundär der Unterhaltung, das Erzeugen der „richtigen“ Schwingung war viel entscheidender. Die über tausend Mann und Frau starken Orchester erzeugten eine mächtige Klangschwingung, die ihre Wirkung auch unabhängig von einem zuhörenden Ohr erzielte, in dem sie sich als mit der gewünschten Information aufgeladene Welle über das Land ausbreitete und so zur Balance zwischen Himmel und Erde beitrug. Demzufolge wurden die Orchester so arrangiert, dass Yin und Yang ausbalanciert waren: Es gab genauso viele weibliche wie männliche Musiker. Und auch die Musikstücke an sich wurden in ihren Anteil an Yin (dunkel, weich, kalt, weiblich, passiv, Ruhe) und Yang (hell, hart, heiß, männlich, aktiv, Bewegung) eingestuft, ebenso die Musikinstrumente und die Töne.

[1] Huang (chin.): grundlegend
[2] So wie Pythagoras ein paar Jahrhunderte später sie auf seinem Monochord errechnete. Dass die Planeten nicht nur tatsächlich klingen, sondern auch in musikalischen Intervallverhältnissen zueinander stehen, wurde in Europa erstmals durch Johannes Kepler im 17. Jahrhundert erforscht.
[3] Aus dem Sanskrit = anjochen, zusammenbinden
[4] Von lat. religio = gewissenhafte Beachtung; oder lat. ligare = binden
[5] Z.B. in der T‘ang Dynastie (618-907 n. Chr.): 14 Hoforchester mit jeweils 500-700 Musikern

Aus: „Carpe Musicam oder Wie Musik die Welt erschafft“ (Kapitel I: Ministeriale Musik)

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